Ursprung und Geschichte des Museo Borgogna (Vercelli)
Das Museo Borgogna (Vercelli) präsentiert sich als ein Hausmuseum, das den Geist der privaten Sammlungen des späten 19. Jahrhunderts in sich bewahrt. Seine Wurzeln reichen zurück bis zu Antonio Borgogna, einem Juristen und Wohltäter, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, eine bedeutende Sammlung aus Kunstwerken und dekorativen Objekten zusammenzutragen. Mit dem Erwerb des Palazzo Ferreri im Jahr 1882 fand dieses Bestreben seinen physischen Rahmen; es entstand ein Ort, an dem Kunst in einem häuslichen Kontext gesammelt und studiert werden konnte.
Nach dem Tod seines Gründers wandelte sich die Institution zu einer öffentlichen Einrichtung. Das Museum öffnete seine Türen für die Öffentlichkeit im Jahr 1907 – eine Ära, in der die Sammlung durch die Bemühungen seines Enkels, Francesco Borgogna, stetig wuchs. Diese Expansionsphase prägte den Charakter des Museums als ein Refugium für verschiedenste Stilrichtungen, die von der Renaissance bis hin zum Goldenen Zeitalter der Niederlande reichen. Dennoch erlebte die Sammlung während des Zweiten Weltkriegs eine schwere Zäsur, als das Museum demontiert werden musste.
In den Jahrzehnten nach dem Krieg durchlief die Institution verschiedene Phasen der Restaurierung und Reorganisation, um ihren ursprünglichen Charakter als Hausmuseum zurückzugewinnen. Heute ist das Museo Borgogna (Vercelli) ein integraler Bestandteil des MUVV-Netzwerks und verbindet die Kunstgeschichte von Vercelli und Varallo durch einen gemeinsamen institutionellen Rahmen.
Das Gebäude und seine Architektur
Im Herzen von Vercelli gelegen, bildet der Palazzo Ferreri als neoklassizistisches Bauwerk das architektonische Fundament für die prachtvolle Sammlung. Die Architektur bewahrt dabei den unverwechselbaren Charakter eines Wohnungsmuseums, in dem die Anordnung der Räumlichkeiten den erlesenen Geschmack des späten 19. Jahrhunderts widerspiegelt. Die Ausstellungsgestaltung erstreckt sich über drei Etagen, die dem Besuch ein Gefühl von Vertikalität und Tiefe verleihen und die Entdeckungsreise durch die Kunstgeschichte bereichern.
Die physische Gestalt des Anwesens hat im Laufe der Zeit eine stetige Entwicklung durchlaufen. Eine Erweiterung zwischen 1912 und 1915 ermöglichte eine systematischere Präsentation der kostbaren Objekte. Im Jahr 1932 wurde ein zweites Erweiterungsprojekt vom Ingenieur Giuseppe Leblis entworfen. Dieser spätere Anbau umfasst ein großzügiges Wohnzimmer, das durch seine zweifache Raumhöhe, eine kunstvolle Kassettendecke und eine Oberlichter-Belichtung besticht, was eine ganz besondere, fast sakrale Atmosphäre in den Innenräumen schafft.
Das Museum umfasst eine Ausstellungsfläche von 3.000 m², in der die architektonischen Elemente in einen subtilen Dialog mit den verschiedenen dekorativen Künsten und Gemälden treten. Die Struktur bewahrt die Essenz eines privaten Residenzhauses und fungiert zugleich als öffentlicher Raum für die Bewahrung der Kunst. Die räumliche Gestaltung lädt zu einer stillen Kontemplation der Werke ein, eingebettet in den historischen Kontext des Palastes selbst.
Künstlerische Sammlungen und Epochen
Die Sammlung spannt einen weiten Bogen über die Zeitlinie vom 15. bis zum 20. Jahrhundert und entfaltet ihre Pracht über drei Etagen des Gebäudes. Sie umfasst ein beeindruckendes Spektrum künstlerischer Strömungen, darunter die Renaissance, der Barock und das goldene Zeitalter der niederländischen Blütezeit des 17. Jahrhunderts. Spätere Epochen finden ihre Entsprechung in neoklassizistischen Werken, der Landschaftsmalerei und dem Divisionismus. Diese Ären spiegeln sich in einer vielfältigen Zusammenstellung von etwa 800 Kunstwerken wider, die Gemälde, Skulpturen und Grafiken umfassen.
Jenseits von Leinwand und Papier offenbaren die Bestände eine tiefe Leidenschaft für angewandte Kunst und feinstes Kunsthandwerk. Die Präsenz von edlen Möbeln, Bronzen und Marmorbildhauereien wird durch noch zartere Materialien wie Halbedelsteine, Holz und Perlmuttintarsien ergänzt. Diese Vielfalt lädt dazu ein, zu erforschen, wie unterschiedliche Medien genutzt wurden, um die ästhetische Sensibilität ihrer jeweiligen Epochen zum Ausdruck zu bringen.
Ein besonderer Fokus der Sammlung liegt auf der Präsenz flämischer und niederländischer Meister. Die Werke von Jan Bruegel dem Jüngeren, Ambrosius Bosschaert und Philips Wouwerman sind hier beheimatet und bieten eine unmittelbare Begegnung mit den Traditionen des nördlichen Goldenen Zeitalters. Diese Kostbarkeiten existieren im harmonischen Dialog mit den Traditionen der italienischen Renaissance und des Barock, wodurch ein faszinierendes Zwiegespräch zwischen den verschiedenen künstlerischen Entwicklungen Europas entsteht.
Meisterwerke der Sammlung
Die Präsenz von Hans Baldung Grien’s Charity, datiert auf etwa 1537, bietet eine tiefgreifende Begegnung mit der Renaissance. Unweit davon lädt die Stille von Jan Davidsz De Heem’s A festoon of flowers and fruit, hanging from a nail, geschaffen um 1648, zu einer eingehenden Betrachtung des Goldenen Zeitalters der Niederlande ein. Diese Werke existieren neben den monumentalen Leinwänden von Giuseppe Cominetti, wie etwa I conquistatori del sole, die das Thema der Arbeit durch großformatige Kompositionen thematisieren. Die Sammlung entfaltet in diesen Stücken eine ganz eigene Schwere, in der das Licht und die Sujets eine stille, anhaltende Aufmerksamkeit fordern.
Der Übergang in die späteren Jahrhunderte wird durch die Präzision von Angelo Morbelli’s For eight cents! markiert. Dieses Gemälde tritt in einen Dialog mit der Atmosphäre des späten 19. Jahrhunderts, wie sie in Giovanni Battista Quadrone’s The Sculptor in His Studio um 1891 zu finden ist. Jedes Werk nimmt seinen Raum mit einer markanten Bedeutung ein und ermöglicht es dem Betrachter, die Evolution der malerischen Technik vom 16. Jahrhundert bis hin zur Epoche des Divisionismus nachzuvollziehen. Die Anordnung dieser Objekte erlaubt eine unmittelbare Beobachtung dessen, wie unterschiedliche Ären die Darstellung menschlicher Tätigkeit und der natürlichen Welt interpretierten.
